Georg Büchner: Zeitgeschichte

Hessen zwischen Revolution und Restauration 1800-1840

Die Landgrafschaft Hessen-Kassel war 1795 im Gefolge Preußens aus dem Reichskrieg gegen das revolutionäre Frankreich ausgeschieden, um sich in den Schutz der von Preußen garantierten norddeutschen Neutralität zurückzuziehen. Hessen-Darmstadt hielt sich demgegenüber weiterhin loyal zur kaiserlichen Kriegspolitik. Dem Reich drohte die Teilung zwischen den beiden deutschen Vormächten Österreich und Preußen, die Trennung Deutschlands durch eine Demarkationslinie am Main, die auch den hessischen Raum zerschnitten hätte. Daß es dazu nicht kam, ist vor allem das Ergebnis der französischen Deutschlandpolitik, die sich militärisch und diplomatisch gegen beide durchsetzen konnte.


Das Ende des Alten Reiches

Im Frieden von Lunéville mußten Kaiser und Reich der Abtretung des gesamten linksrheinischen Reichsgebiets an Frankreich zustimmen. Zu den deutschen Reichsständen, denen der Friedensschluß Entschädigung für ihre territorialen Verluste durch die Säkularisation geistlicher Herrschaftsgebiete verhieß, gehörten auch Hessen-Darmstadt und die nassauischen Fürstentümer. Ihre diplomatischen Vertreter verhandelten schon seit Sommer 1801 in Paris. Dort fiel die Entscheidung über die Zuweisung der einzelnen Gebiete, die auch den Austausch von Außen- und Splitterbesitz zur Arrondierung der Territorien einbezog. Hessen-KasseI war weniger erfolgreich als die südlichen Nachbarn, erreichte aber durch den Gewinn der erblichen Kurfürstenwürde die schon lange erstrebte Rangerhöhung.

Der Reichsdeputationshauptschluß (1803) begünstigte - ganz im Sinn der klassischen französischen Deutschlandpolitik - die mittleren Territorien, denen auch die Reichsstädte geopfert wurden. Nur sechs von ihnen, darunter Frankfurt, konnten ihre Selbständigkeit retten. Die katholischen Untertanen der bisherigen Erzbischöfe von Mainz, Triel' und Köln und der Bischöfe von Worms und Fulda unterstanden mit dem neuen Kurfürsten in Kassel, dem Landgrafen in Darmstadt und den Fürsten von Nassau nun evangelischen Landesherren. Das letzte Reichsgrundgesetz beseitigte jedoch den für die Religionsverfassung des Alten Reiches typischen Religionsbann, der die Einheit von Staat und Bekenntnis festgelegt hatte. Die Einführung der religiösen Toleranz und die unvermeidliche organisatorische Reform der vergrößerten Territorien waren zukunftsweisende Konsequenzen der Staatsumwälzung von 1803.

Im Sommer 1805 wurde Deutschland erneut zum Kriegsschauplatz. Die Siege der französischen Heere über Österreich leiteten den Zusammenbruch des ehrwürdigen Heiligen Römischen Reiches ein. Den süddeutschen Fürsten blieb keine andere Wahl. Sie mußten wohl oder übel auf die angebotene Konföderation unter Napoleons Protektorat eingehen und sich vom Reich lossagen. Der Beitritt zum Rheinbund brachte klare Vorteile, die formale Unabhängigkeit ihrer Herrscherstellung »plenitude de la souverainete« - und schmeichelhafte Rangerhöhungen, vor allem aber erneute bedeutende Gebietsvergrößerung. Nutznießer in Hessen waren der nunmehrige Großherzog in Darmstadt und das zum Herzogtum erhobene Haus Nassau, aber auch der Fürst von Isenburg-Birstein, der einzige unter den mindermächtigen Fürsten und Grafen, dem der Sprung in die »Souveränität« gelang.

Unter französischer Vorherrschaft

In welchem Ausmaß Deutschland tatsächlich der Verfügungsgewalt des französischen Imperators ausgeliefert war, zeigte sich nach der Niederwerfung Preußens 1806/07  Ohne Skrupel löschte Napoleon den Staat des Kurfürsten von Hessen aus, machte ihn zum Bestand eines neugegründeten Königreiches Westphalen, dessen Krone er seinem jüngsten Bruder, Jeröme, übertrug, der in Kassel die Residenz des verjagten Kurfürsten bezog. Damit zerstoben zugleich die vom Darmstädter Großherzog mit Blick auf Bayern und Württemberg genährter Hoffnungen, »König aller hessischen Lande« zu werden und den gesamten hessischen Raum in einer Hand zu vereinen. Vertrieben wurde auch der erst drei Jahre zuvor geschaffene Fürst von Oranien-Fulda, dessen Land mit Hanau unter französischer Verwaltung blieb, bis Napoleon beide Territorien 1810 dem Großherzogtum Frankfurt des Fürsten Dalberg zuwies. Für Karl Theodor von Dalberg  den letzten Erzkanzler des Reiches, der als Primas des Rheinbundes eine ähnliche Stellung einnehmen sollte, hatte Napoleon 1806 einen eigenen Staat geschaffen, dem auch das bis dahin selbständige Frankfurt inkorporiert wurde. Die Stadt war zum Zentralort des Rheinbundes bestimmt.

Dalberg bemühte sich um den organisatorischen und institutionellen Ausbau des Rheinbundes, der schließlich außer Österreich und Preußen ganz Deutschland umschloß. Seine Pläne wurden jedoch vor größeren Rheinbundstaaten mit Erfolg sabotiert. Der Rheinbund gewann zwar nie den Charakter eines wirklichen föderativen Verbandes, war aber doch mehr als nur eine französische Präfektur. Napoleon nötigte den Rheinbundfürsten einen Vasallenstatus auf, machte' Staaten zu Konskriptionsbezirken für seinen unerschöpflichen Bedarf an Soldaten und zwang sie im Rahmen der Kontinentalsperre in den Wirtschaftskrieg gegen Großbritannien. Er ließ ihnen aber innenpolitisch weitgehend freien Raum, den die größer gewordenen süddeutschen Staaten im Blick auf das nachrevolutionäre, napoleonische Frankreich zu einem förmlichen Modernisierungsschub in Verwaltung, Recht, Gesellschaft und Wirtschaft zu nutzen verstanden. Dies galt vorab für die neugeschaffenen napoleonischen Modellstaaten: Das Königreich Westphalen, das Großherzogturn Berg und nicht zuletzt das Dalbergsche Großherzogturn Frankfurt.

Nach dem Untergang der Grande Armée in Rußland, der auch das Gros der Rheinbundtruppen ins Verderben riß, wurde das napoleonische Herrschaftssystem in ganz Europa zerschlagen. Es versteht sich, daß die napoleonischen Staatsgebilde Westphalen und Frankfurt ebenso gewaltsam beseitigt wurden wie sie entstanden waren. Andererseits lag es den verbündeten Mächten der siegreichen Allianz fern, auch Säkularisation und Mediatisierung rückgängig zu machen, zumal sie den meisten Rheinbundfürsten für ihren Übertritt zur Anti-Napoleon-Koalition Bestandsgarantien gegeben hatten. Sie hatten jetzt die Aufgabe, für den Kontinent eine Friedensordnung und für Deutschland eine Verfassungsordnung zu schaffen.

Die Ordnung des Wiener Kongresses

Das Werk des Wiener Kongresses war ein Ergebnis der Kabinettspolitik, an dem die vorher zur Befreiung von der Fremdherrschaft aufgerufe Bevölkerung so wenig Anteil hatte wie die damit entfachte nationale Bewegung. Die in der Fürstenrevolution von 1803 und 1806 unter französischer Ägide zur Souveränität aufgestiegenen Mittel-und Kleinstaaten wurden nun zu integrierenden Bestandteilen des neuen deutschen Staatensystems. Dieses erhielt durch den Wiener Kongreß eine bundesstaatliche Ordnung. Zweck des aus 41 Mitgliedern bestehenden Bundes war, nach Artikel 11 der Bundesakte, die »Erhaltung der äußeren und inneren Sicherheit Deutschlands und der Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der einzelnen deutschen Staaten«.

Der 1813 rekonstituierte Kurfürst von Hessen, der Darmstädter Großherzog und der Herzog von Nassau konnten ihre Gebiete in langen, noch über den Kongreß hinausreichenden Verhandlungen ein weiteres Mal arrondieren. Die damals geschaffenen Grenzen ihrer Staaten, die zusammen mit dem von der Mediatisierung verschont gebliebenen Fürstentum Waldeck, der nachträglich zum selbständigen Staat hochgestuften Landgrafschaft Hessen-Homburg und der wieder selbständig gewordenen Stadt Frankfurt den Raum des heutigen Landes Hessen ausfüllten, wirken bis in die Gegenwart nach.

Die Entstehung und die Geschichte des Deutschen Bundes sind geprägt durch den österreichisch-preußischen Dualismus und das Souveränitätsbewußtsein der einzelnen Bundesglieder. Die deutsche Nationalbewegung hatte in ihm keinen Platz. Einziges Organ des Deutschen Bundes war die Bundesversammlung, die ihren Sitz in der Freien Stadt Frankfurt hatte. Formal war diese Institution, die in der Regel als Bundestag bezeichnet wurde, ein dem Regensburger Reichstag des Alten Reiches nachgebildeter permanenter Gesandtenkongreß, eine ausschließliche Vertretung der Bundesfürsten und Freien Städte. Er tagte entweder als Engerer Rat oder im Plenum. Von den 17 Stimmen des Engeren Rates führten Kurhessen und das Großherzogturn Hessen je eine, während Nassau, Waldeck und Frankfurt an Gemeinschaftsstimmen beteiligt waren. Im Plenum führten von den insgesamt 69 Stimmen Kurhessen und das Großherzogtum je drei, Nassau zwei, Waldeck und Frankfurt je eine. Die Reihenfolge der Staaten richtete sich nach der Bevölkerungszahl. Die Bundesmatrikel von 1818/19 nennt für Hessen-Darmstadt 619500, für Kurhessen 567868, für Nassau 302709, für Waldeck 51877 und für Frankfurt 47850 Einwohner, bei einer Gesamtbevölkerung des Bundes von knapp über 30 Mio.

Das Präsidium der Bundesversammlung lag bei Österreich, dessen leitender Staatsmann, Klemens Wenzel Fürst Metternich, es über mehr als drei Jahrzehnte verstand, die Bundespolitik - weitgehend einvernehmlich mit Preußen - zu beherrschen und damit alle nationalen, liberalen und demokratischen Bestrebungen abzuwehren. Nur einmal, im Anschluß an die Karlsbader Beschlüsse (1819) und die Ergänzung der Verfassung 1820, kam es zu dem Versuch, der »Zweier-Hegemonie« der Großmächte Österreich und Preußen durch eine Zusammenfassung der Mittel- und Kleinstaaten entschieden entgegenzutreten.

Dieser von Württemberg ausgehenden Oppositionsbildung einer »deutschen Trias« schlossen sich auch die Bundestagsgesandten von Hessen-Darmstadt und Kurhessen an, bis sie unter dem Druck der beiden deutschen Vormächte aus Frankfurt abberufen werden mußten.

Für die Begründer des Deutschen Bundes stand das Prinzip der monarchischen Legitimität nicht in Frage. Wohl aber stand zur Diskussion, inwieweit von Bundes wegen in den einzelnen Staaten die Mitwirkung von Vertretungskörperschaften geregelt werden sollte. Die Bundesakte beschränkte sich auf die ebenso lapidare wie unpräzise Feststellung des Artikels XIII: »In allen Bundesstaaten wird eine landständische Verfassung stattfinden. « Damit wurden die Landesherren als die Träger der verfassunggebenden Gewalt verpflichtet, Verfassungen zu schaffen. Deren Form, die Kompetenz und Organisation der Landstände war dem Ermessen des Souveräns überlassen .

Anfänge des Konstitutionalismus

Der erste Staat des Deutschen Bundes, der bereits im Vorgriff auf die Bundesakte eine moderne Verfassung erhielt, war das Herzogtum Nassau. Mit der Gewährleistung von Grundrechten, Gewaltentrennung, bürgerlichem Wahlrecht für die Landesdeputiertenbank im Rahmen eines Zweikammersystems und dem Recht der Ministeranklage folgte sie der französischen Charte von 1814, war allerdings primär ein taktisches Mittel zur Konsolidierung des Herzogtums. Das zeigte sich alsbald, da der Herzog keinerlei Anstalten machte, die neugeschaffenen Landstände tatsächlich einzuberufen. Schon vor Erlaß der Verfassung waren mit der Aufhebung der Leibeigenschaft, der Beseitigung der Adelsprivilegien und einer grundlegenden Neuordnung des Steuerwesens wichtige Reformschritte erfolgt. Ohne jede Beteiligung des Landtages wurde die Vereinheitlichung seit 1815 weitergeführt. Die Verwaltung wurde straff zentralistisch organisiert, ein richtungweisendes Simultanschulgesetz erlassen, die Zunftverfassung aufgehoben, die Gewerbefreiheit eingeführt. Trotz dieser aufsehenerregenden Reformen sah sich die bürokratisch-absolutistische Herrschaft in wachsendem Gegensatz zur liberalen und nationalen Opposition im Landtag. Seit seiner ersten Berufung 1818 führte vor allem die Domänenfrage zum Dauerkonflikt mit der Regierung, die sich seit den Karlsbader Beschlüssen ganz der repressiven Politik Metternichs verschrieb.

Die Verfassung des Fürstentums Waldeck von 1816 knüpfte an das altständische Steuerbewilligungsrecht an, erweiterte jedoch den Landtag durch gewählte Vertreter des Bauernstandes. Die »Konstitutionsergänzungsakte« der Freien Stadt Frankfurt, von ihren Bürgern auf dem Römer am 18. Oktober 1816 beschworen, bildete lediglich die altständisch-patrizische Stadtverfassung fort und fiel weit hinter den von Dalberg geschaffenen Modernisierungsansatz zurück. Es war das plutokratische Frankfurt der Bankiers und der Großkaufmannschaft, das dem diplomatischen Korps der Bundesversammlung den Rahmen gab. Dem Zustandekommen der Verfassung im Großherzogturn Hessen gingen das ganze Land bewegende politische Auseinandersetzungen voraus. Mit der Forderung, das Gebot des Artikels XIII der Bundesakte zu erfüllen, traten zuerst die Standesherren hervor, ehe eine förmliche Verfassungsbewegung durchsetzen konnte, daß das Land kein oktroyiertes, sondern ein vereinbartes Staatsgrundgesetz bekam. Der endliche Ausgleich ist auch dem einsichtsvollen Landesherrn zu verdanken. In Hessen-Darmstadt hat es vor der Verfassung zwar Reformen, aber kein systematisches Reformprogramm gegeben. Hier begann die große Zeit der Umgestaltung erst mit der Verfassung unter spannungsvoller Beteiligung der Volksvertretung, deren Auswahl allerdings durch ein dreistufiges Wahlverfahren und einen hohen Zensus eng beschränkt blieb. Daß die im Lande starke radikale Bewegung sich nicht mit dem Erreichten zufrieden geben konnte, liegt auf der Hand.


Im wiederhergestellten Kurhessen beseitigte der aus dem Exil zurückgekehrte Kurfürst die westfälischen Errungenschaften rigoros. Seine schroffe Restaurationspolitik trug despotische Züge. Er ließ sein Verfassungsversprechen unerfüllt, als die Stände auf einem echten Verfassungsvertrag bestanden. Auch der Nachfolger, Kurfürst Wilhelm II., hielt trotz administrativer Reformen an der letztlich spätabsolutistischen Regierungsform fest. Erst nach dem Ausbruch schwerer Tumulte, die im Anschluß an die französische Julirevolution 1830 im ganzen Land aufflammten, wich er zurück und unterzeichnete eine mit den Ständen vereinbarte Verfassung, die als die fortschrittlichste unter allen Verfassungen des deutschen Frühkonstitutionalismus gilt. Ihre Anwendung brachte den Landtag allerdings in einen fast permanenten Konflikt mit den ihrer Stellung wenig würdigen Kurfürsten und den von ihnen bestellten bürokratisch-konservativen Regierungen.

So wie die Unruhen nach der Julirevolution den gesamthessischen Raum erfaßten, machten auch die nationalpolitischen Demonstrationen - das Hambacher oder das Wilhelmsbader Fest - und die späteren sozialrevolutionären Aktionen der radikalen Gruppierungen - der Frankfurter Wachensturm und die konspirativen Verbindungen um Rektor Friedrich Ludwig Weidig und Georg Büchners »Gesellschaft für Menschenrechte« - nicht mehr vor den Staatsgrenzen halt. Sie wurden im Zeichen des Zollvereins auch wirtschaftlich überwunden. Die in den Jahren 1832 bis 1835 von Metternich im Bundestag durchgesetzten Beschlüsse, mit denen er die Bundesverfassung vor progressiven Landesverfassungen und ihren Parlamenten schützen und» Maßregeln zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe und Ordnung« von Bundes wegen treffen wollte, trugen dazu bei, die Exklusivität der einzelstaatlichen Souveränität zu schwächen. Es waren die hochkonservativen Staatsminister Hessens - Karl du Bos du Thil in Darmstadt und Ludwig Hassenpflug in Kassel - die mit Blick auf die Landtage, den einzigen Refugien, in denen sich nach den Unterdrückungsmaßnahmen des Bundes eine politische Opposition noch legal artikulieren konnte, für eine Erweiterung der Bundesgewalt eintraten.

Fritz Kallenberg

Eugène Delacroix - La liberté guidant le peuple (Die Freiheit führt das Volk) 1830

Die Überwindung der Restauration

Längerfristig stärkte die französische Julirevolution von 1830 die liberalen und demokratischen Bestrebungen in ganz Europa. Als "der Bürgerkönig" Louis-Philippe sich immer mehr von seinen liberalen Wurzeln des Juste Milieu entfernte und sich schließlich der vom Metternichschen System geprägten Heiligen Allianz anschloss, kam es 1848 zur Ausrufung einer weiteren bürgerlich-liberalen Revolution in Frankreich, der Februarrevolution 1848,  bei der es zur Ausrufung der Zweiten Französischen Republik kam. Die Februarrevolution von 1848 löste auch die Märzrevolution in vielen anderen Staaten Europas aus, die zur Überwindung der Metternichschen Restauration führte.